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Der grammatikalische Ansatz im Fremdsprachenunterricht


DAS KONVENTIONELLE KONZEPT


Das selbstentdeckende Lernen hat zwar Einzug in den Fremdsprachenunterricht gefunden, doch die generelle Tendenz im grammatikalischen Bereich wird eher durch den Aufbau der Lehrwerke geprägt.

Grundhaltung:
Fehler werden als „Unfälle“ im Lernprozess betrachtet, da sie diesen beeinträchtigen und sich fossilieren könnten. Sie sollen so weit wie möglich vermieden werden. Um den Problemen vorzubeugen, kommt die Regel vor dem Problem.
Die Regel steht in einer „Inputposition“. Sie ist im Lehrwerk vorgeplant und Übungen sollen ihre Anwendung trainieren.

Dazu stellen sich u.a. folgende Fragen:

➢ Kommt die Regel zum geeigneten Zeitpunkt im Unterrichtsgeschehen?

➢ Kommt die Regel am richtigen Platz in der Lernentwicklung?
(Frage der Willkür der Progression)

➢ Hat die explizite Regelerklärung eine störende Funktion im Auffassungsprozess des sprachlichen Phänomens?
(Kurzschlussgefahr mit unbewussten kognitiven Prozessen)

➢ Haben die Lernenden eine offene Bereitschaft zur angesprochenen grammatikalischen Thematik?
(Sensibilität, Präsenz und Offenheit für das Problem).

Schritte im konventionellen Konzept
In den meisten Lehrwerken gehört ein grammatikalischer Erklärungsteil mit Beispielen und Übungen zum festen Bestandteil der Lerneinheit. Dies führt zu folgenden Schritten:
• Die Regel erklären (Aufgabe der Lehrwerkautoren bzw. der Lehrerin)
Folgende Fragen stellen sich dabei:
➢ Welche Kenntnisse werden vorausgesetzt, um die Regel zu verstehen?
➢ Ist die Terminologie verständlich?
➢ Ist die Erklärung gut strukturiert und nachvollziehbar?
• Die Regel verstehen
➢ Ist die Erklärung für die Lernenden verständlich?
➢ Geht sie vom Kenntnisstand der Lernenden aus?
➢ Ist die Regel wirklich so verstanden worden, wie sie gemeint war?
• Die Regel lernen und behalten
➢ Entsprechen die mentalen Prozesse, die in der Darstellung der Regel eingesetzt werden, den mentalen Strukturen der Lernenden?
➢ Erlaubt die Formulierung der Regel bzw. die Auswahl der Beispiele, dass sie behalten und angewendet wird?
• Die Regel anwenden
➢ Erlaubt die Formulierung der Regel, dass sie im richtigen Augenblick verfügbar und abrufbar ist?
(Siehe als Illustration die Anwendung des „s“ der dritten Person des Präsens in Englisch...)
➢ Stört der Abrufprozess der Regel eventuell den spontanen Ausdruck bzw. führt er zu einer Verzögerung, zum Stocken oder zur Blockade?
➢ Berücksichtigt die Konzeption der Regel den Anwenderstandpunkt oder ist sie eher aus einer Beobachterperspektive formuliert?
z.B. fordert das Konzept der (un-)vollendeten Handlung beim Gebrauch der Zeiten der Vergangenheit im Französischen (siehe Dufeu, 1993a) ein Anhalten beim Sprechen, was den spontanen Ausdruck blockiert (ganz davon abgesehen, dass diese Regel nicht immer stimmt).

Die Selbstverständlichkeiten des gewohnten konventionellen Unterrichts hinterfragen

➢ Sind die Progressionskriterien und ihre Reihenfolge begründet?
- Die Regelvermittlung zu einem festgelegten Zeitpunkt vorzugeben kann Fehler verursachen bzw. Konfusionen bewirken.
- Korrekte unbewusste bzw. nicht bewusste kognitive Informationsverarbeitungsprozesse können „torpediert“ werden.

➢ Lernt man besser, wenn systematisch gelehrt wird?

➢ Kann man nicht einen Großteil der in den Lehrwerken dargestellten grammatischen Phänomene ohne Erklärung des Lehrers und des Lehrwerks verstehen und beherrschen?
➢ Ist die paradigmatische Darbietung der Lehrwerke (Konjugation, Deklination, Monate, Wochentage, Zahlen...) hilfreich und wirksam?
Wenn das Paradigma in seiner Gesamtheit beim ersten Erscheinen eines seiner Elemente dargeboten wird, hemmt oder behindert diese Präsentationsform oft die Spontaneität bei der Suche der richtigen Form (Der Lernende muss das Paradigma „herunterleiern“, bis er die gewünschte Form in der Kommunikationssituation findet).

Beobachtungen
Die Grammatik wird bei den Lernenden oft mit negativen Konnotationen verbunden (siehe u.a. Zimmermann, Günther: Grammatik im Fremdsprachenunterricht der Erwachsenenbildung Ismaning: Max Huber Verlag, 1990, 32-35).
Die Grammatik steht oft zwischen dem Sprecher und der Sprache. Dies beeinträchtigt den Erwerbs- und Lernprozess.
Manchmal werden Probleme geschaffen, indem sie vorweggenommen werden.
Bestimmte Regelformulierungen sind nicht nur ineffektiv oder falsch, sondern können sogar kontraproduktiv sein und den Ausdrucks- und Kommunikationsprozess erschweren.
Aus Angst vor Fehlern drücken sich manche Lernenden in einem „grammatisch fehlerfreien Schweigen“ aus.😃


GRUNDPRINZIPIEN EINER TEILNEHMER-ORIENTIERTEN GRAMMATIKVERMITTLUNG


Wir entwickeln einen Zugang zur Grammatik, der in Einklang mit dem psychodramaturgischen Ansatz steht.

Grundeinstellung zum Erwerb der Grammatik in der PDL

- Die Grammatik ist nicht von der Sprache getrennt. Jede Aussage beinhaltet und beruht auf grammatikalischen Regeln. Sprache und Grammatik sind ineinander verflochten und bilden eine Einheit. Die Grammatik bildet die formelle Infrastruktur des Ausdrucks. Man kann einen Großteil der Grammatik erwerben, indem man die Sprache hört, liest und anwendet.

- Die Grammatik wird auch nicht von den Sprechern und vom Kommunikationsprozess getrennt, sondern sie wird in und aus der Kommunikationssituation erfahrbar. Die formellen Aspekte der Sprache werden in direkter Beziehung mit den Sprechern erlebt und in eine Situation eingebunden.

- Unbewusste kognitive Prozesse, u.a. automatische Generalisierungsprozesse, gehören zu jedem Spracherwerb. Es muss nicht alles gelernt werden, um es zu beherrschen.

- Bei den Teilnehmern entstehen auch zahlreiche auditive Selbstkorrekturen durch den Vergleich zwischen dem, was sie sagen und ihren Hörgewohnheiten („Hörrefenzen“).

- Der Weg, auf dem sich die TN und die Gruppe in der Fremdsprache bewegen, ist eine ständige Einladung, den jeweiligen Eigenarten und Schwierigkeiten der Fremdsprache unmittelbar zu begegnen. Es besteht eine teilnehmerbestimmte Progression.

- Die Regel steht in einer „Outputposition“. Die Vermittlung einer Regel setzt ein Problem voraus. Diese Haltung entspricht einem der Grundprinzipien der PDL: „Folgen statt Antizipieren“.

- Der Irrtum ist ein unentbehrlicher Bestandteil des Spracherwerbs. Er hilft, die Grenzen der Sprache zu erkunden und ihren Aufbau besser zu verstehen. Er weckt Neugierde, die formellen Aspekte der Sprache besser wahrzunehmen.
⚀ Im Mündlichen findet die Korrektur in der PDL entweder direkt in der Entstehungsphase des Ausdrucks statt oder erst nach der Produktionsphase, sollte diese Korrektur den Ausdruck behindern. Erklärungen dazu werden aufgrund der Fragen der TN gegeben, bzw. wenn die Trainerin dies für hilfreich hält.
⚁ Die schriftlichen Aktivitäten fördern die Analyse der Sprache. Dabei wird die Kommunikation nicht eingreifend unterbrochen, der Zeitfaktor ist flexibler und man kann außerdem später auf seine Notizen zurückgreifen.

- Jeder Teilnehmer geht seinen eigenen Weg und hat seinen eigenen Erwerbs- und Lernrhythmus in der Fremdsprache (Anerkennung der Einzigartigkeit jedes Teilnehmers). Der Beherrschungsprozess der formalen Aspekte der Sprache wird als individueller Reifungsprozess betrachtet: Einige TN sind rezeptiver für eine Erklärung zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer fremdsprachlichen Entwicklung als andere. Wir suchen keine Einheitlichkeit im Erwerbs- und Lernprozess. Diese Einstellung illustriert ein weiteres Grundprinzip der PDL: „Anbieten statt auferlegen“.

- Dies bedeutet aber keine Laisser-Faire-Haltung: Die Korrektur wird wiederholt angeboten, bis sie integriert wird. Sie dient als Festigung für die TN, die sie schon beherrschen und als Sensibilisierung für das sprachliche Phänomen für die, die noch nicht soweit sind.

- Eine Verinnerlichung der richtigen Form findet in der PDL außerdem durch den spiralförmigen Aufbau der Sequenz, durch die Aufladung, durch die Wiederaufnahme der Situation statt. Wenn es nützlich erscheint, schaffen wir eine Situation, in der das grammatikalische Phänomen wiederholt erscheint.

- Komplexen Phänomenen nähern wir uns progressiv in der Reihenfolge ihres Auftretens. Ein grammatischer Überblick wird erst angeboten, wenn ein Großteil des Phänomens bekannt ist und auch nur dann, wenn es nötig ist bzw. das Bedürfnis danach vorhanden ist. Ein Paradigma wird zuerst durch punktuelle situationsbedingte Kontakte erkundet, bevor es in seiner Gesamtheit dargeboten wird.

- Wenn eine Erklärung notwendig ist, entwickelt sich diese so weit wie möglich durch die TN selbst (siehe der Konzeptualisierungsprozess, Besse, 1974). Die Entdeckung der Regel entspricht ihrem Kenntnisgrad der Sprache und ihren Erklärungswegen (die Fachterminologie wird anschließend gegeben).
Es gibt aber komplexe grammatische Phänomene, die einer Erklärung bedürfen (z.B. Konjunktiv, Zeiten der Vergangenheit im Französischen...). Dazu entwickeln wir allmählich eine „intentionelle“ Grammatik (siehe Dufeu, 1982, 1993b).

- Es besteht keine Dichotomie zwischen Korrektheit und Kommunikation. Die sprachliche Korrektheit trägt zu einer besseren und präziseren Kommunikation bei. Es geht zunächst darum, sich überhaupt auszudrücken (Priorität der Kommunikation im Erwerbsprozess) und dann erst darum, sich allmählich immer besser auszudrücken (die Korrektheit steht im Dienste der Kommunikation).

Vorteile der Entdeckung im Output


Die Frucht wird am leichtesten gepflückt und drückt ihr ganzes Aroma aus, wenn sie reif ist.


• Durch den direkten Kontakt mit der Sprache in ihrem kommunikativen Gebrauch findet eine Sensibilisierung für das Problem statt, bevor es auf einer abstrakten metasprachlichen Ebene behandelt wird. Das Problem entsteht aus einer konkreten Situation und entspricht einer Sprechabsicht.

• Die direkte Beziehung zwischen dem Sprecher und der Sprache wird bewahrt und es besteht ein unmittelbarer Bezug zwischen Sprechintention und Ausdrucksform.

• Die Regel ist in eine passende Anwendungssituation eingebettet. Der „Kontexteffekt“ wird demgemäß gefördert. Es besteht dadurch eine direkte Verbindung zwischen der Regel, ihrem Gebrauch und ihren Übertragungsmöglichkeiten in andere Kontexte.

• Die abstrakte Reflexion entsteht aus den konkreten Ausdruckswünschen der TN, aus ihrem Erlebten. Dadurch wird der Abstraktionscharakter konkretisiert, da eine unmittelbare Relation zwischen der Aussage und dem Sprecher besteht.

• Die Regel spiegelt eine konkrete Realität wider und hat eine praktische kommunikative Funktion: Sie hilft dem TN, sich besser und treffender auszudrücken.


Bibliographie

(1974) Besse, Henri: Les exercices de conceptualisation ou la réflexion au niveau 2, Voix et Images du Crédif, 1974/2, 38-44.
(1982) Dufeu, Bernard: La grammaire intentionnelle. In Schulz, Franz (Hrsg.) : Erstellen von Lehrmaterial. Mainz : Universität Mainz, Berichte und Beiträge zur wissenschaftlichen Weiterbildung, Bd. 8, 47-62.
(1993a) Dufeu, Bernard: Grammatik : Von der Theorie zur Praxis oder die Rundung des Quadrats. In Dufeu, Bernard ( Hrsg.) : Interaktive Grammatik. Mainz : Universität. Mainz, Berichte und Beiträge zur wissenschaftlichen Weiterbildung, Bd. 41, 31-44.
(1993b) Dufeu, Bernard: Quand les temps s'en mêlent. In Dufeu, Bernard (Hrsg.) : Interaktive Grammatik. Mainz : Universität Mainz, Berichte und Beiträge zur wissenschaftlichen Weiterbildung, Bd. 41, 135- 155.
(2003) Dufeu, Bernard: Wege zu einer Pädagogik des Seins. 91-102.
(1990) Zimmermann, Günther: Grammatik im Fremdsprachenunterricht der Erwachsenenbildung. Ismaning: Max Hueber Verlag.

Danke an Agnès, Aurora, Erika, Francesca, Michael, Monica, Lara, Nadja, Sonja, die bei der Korrektur der „Endfassung“ mitgewirkt haben.


© Bernard Dufeu, 2013.